Das Philosophische Seminar (Direktor: Prof. Dr. W. Hogrebe)
und die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie (Direktor: Prof. Dr. W. Maier)
veranstalten gemeinsam die Arbeitstagung
Das Selbst und seine neurobiologischen Grundlagen

Abstracts
Neurologik

Olaf Breidbach
Ernst-Haeckel-Haus

Dem Konzept der Internen Repräsentation zufolge ist die Signalverarbeitung innerhalb eines neuronalen Systems allein auf Grund interner Systemcharakteristika zu bewerten. Entsprechend macht dieser Ansatz die Einführung eines "externen Beobachters" wie er in klassischen KI Ansätzen notwendig ist, überflüssig. Die Integration sensorischer Eingaben erfolgt - so die These - einzig auf Grund systemintrinsischer Vorgaben. Es ist zu zeigen, daß entsprechend rein systemintrinsische Bewertungsfunktionen zu definieren sind; zu zeigen ist weiter, daß über diese systemintrinsischen Bewertungsfunktionen eine alternative Informationstheorie zu fassen ist, die auch nicht indirekt Randvorgaben in die entsprechenden Bewertungsoperationen einführt.
Der hier vorgestellte Ansatz erfüllt die genannten Bedingungen. Er arbeitet mit strikt lokalen Verrechnungsfunktionen. Entsprechend sind umfassende Systemvorgaben überflüssig. Zu zeigen ist, daß der strikt lokale Ansatz ausreicht, Zuordnungen von Systemgrößen zu kennzeichnen und zu bewerten. Dabei ergibt sich ein Regelwerk, in dem sich die Grundbausteine einer elementaren Logik abbilden. Diese Logik läßt sich insoweit auf Operationen, die als physikalische Charakteristika parallelverarbeitender Systeme zu kennzeichnen sind, zurückführen. Insoweit formulieren sich in konsequenter Anwendung des Konzepts der Internen Repräsentation eine Neurologik und damit die Kontur einer Neurosemantik.


EEG-Korrelate bewußter und nicht-bewußter Verarbeitung von Sprach- und Musikreizen

Gabriel Curio
Neurologie, Freie Universität Berlin

Die Frage: Lassen sich nicht-bewußte und bewußte Schritte der cerebralen Verarbeitung akustischer Reize bis hin zu ihrer kategoriellen Klassifizierung nicht-invasiv und mit einer Zeitauflösung im Bereich von Millisekunden analysieren?
Der Ansatz: Auditorisch evozierte Potentiale (AEP) ermöglichen die Erfassung der synchronen Aktivierung regionaler Neuronenverbände durch Vokale und Dreiklänge, die Elementareinheiten sprachlicher und musikalischer Reize mit akustisch vergleichbar komplexem Aufbau des Oberton-Spektrums darstellen. Ihre digitale Synthese erlaubt hoch-selektive Manipulationen einzelner akustischer Aspekte, deren differentielle cerebrale Verarbeitung durch das Paradigma der "mismatch negativity" (MMN) untersucht werden kann: weichen in einer Folge von identischen akustischen "Standard"-Reizen einzelne Stimuli ("Deviants") in einer physikalischen Reiz-Dimension (z.B. Frequenz oder Intensität) ab, findet sich in der AEP-Differenzkurve ("Deviants minus Standards") zwischen 100 und 250 msec eine Negativierung an Fz. Quellenanalysen belegen eine MMN-Generierung in der Nähe des auditorischen Primärkortex. Die MMN wird als Korrelat einer automatischen Detektion der Devianz des Stimulus von einer Gedächtnisschablone der Standardreize angesehen. Hier wurde untersucht, ob eine Devianz allein in der Stimulus-Kategorie ausreicht, eine MMN zu generieren, und inwieweit diese zu einer bewußten Diskriminationsleistung korreliert. Die Befunde: Für Vokale (/a/ vs. /ae/) kann bei Einführung von Variabilität in den Standardreizen (bzgl. Grundfrequenz F0 und/oder der Formanten F1/F2) eine MMN erhalten bleiben, solange die Standardreize als einer Vokalkategorie zugehörig und gegenüber dem devianten Reiz abgegrenzt wahrgenommen werden. Für Dreiklänge können nicht nur die im westlichen Kulturkreis überlernten Dur/Moll Kontraste (große-kleine Terz) sondern auch Mehrklänge mit atonaler Intervallschichtung (z.B. Tritonus-Quarte) eine MMN hervorrufen. Diese MMN ist insbesondere auch nach einer randomisierten Tonarten-Modulation der Standardreize nachweisbar. Während sich eine späte Positivierung (600 ms) nur bei bewußter Wahrnehmung der Devianz in der Dreiklangs-Kategorie zeigte, fand sich eine MMN bemerkenswerterweise auch dann, wenn diese kategorialen Devianzen (in einer forced choice task) nicht detektiert konnten.
Einige Antworten: Für Sprach- und Musikreize kann aus akustisch variablen Standard-Reizen eine Gedächtnisschablone für relationale Aspekte (F1/F2 Quotient, bzw. Intervall-Schichtung von Dreiklängen) extrahiert werden. In Anbetracht der logarithmischen Frequenzrepräsentation im auditorischen Primärkortex stellt dies eine intermodale Analogie zur Translationsinvarianz der Formerkennung im visuellen System dar. Evolutionsbiologisch war dies zur Sprecher-unabhängigen Vokal-Wahrnehmung erforderlich; das Kultur-Produkt "musikalischer Dreiklang" nutzt vermutlich denselben Mechanismus.
Während die Expression einer MMN notwendig für die bewußte Wahrnehmung einer Reizdevianz ist, scheint sie dafür - selbst bei willentlicher Aufmerksamkeitszuwendung auf die Reizfolge - nicht hinreichend zu sein. Sie belegt jedoch, daß das Gehirn 200 ms post-Stimulus über eine kategoriell (und zwar bzgl. einer harmonischen Modulation) abstrahierte Information verfügt; diese wird dem reaktionsorientiert Reiz-klassifizierenden Selbst zwar nicht notwendig bewusst, könnte jedoch kognitiv nicht penetrierbare Reaktionen beeinflussen, wie etwa Affekt-Modulationen durch Musik.


Zeitliche Bindung und phänomenales Bewusstsein

Andreas Engel
Hirnforschung, Universität Frankfurt, z.Zt. Berlin

Kognitive Funktionen wie Wahrnehmung, Gedächtnis, Sprache oder Bewusstsein basieren auf einer hochgradig parallelen neuronalen Informationsverarbeitung, an der zahlreiche kortikale und subkortikale Zentren beteiligt sind. Gegenwärtig ist noch unklar, auf welche Weise die verteilt bearbeiteten Informationen integriert und kohärente repräsentationale zustände etabliert werden können. Aktuelle Forschungsergebnisse lassen vermuten, daß dieses sogenannte "Bindungsproblem" durch Ausnutzung zeitlicher Strukturen in der neuronalen Aktivität gelöst wird. Der Vortrag wir hierzu eine Hypothese vorstellen, die besagt, daß die an der Verarbeitung beteiligten Neurone durch Synchronisation ihrer elektrischen Impulse zu kohärenten Zellverbänden zusammengeschlossen werden können. Inzwischen deuten zahlreiche Ergebnisse darauf hin, daß diese zeitliche Bindung von Neuronen einen wichtigen Schritt in der sensomotorischen Verarbeitung und in der Bildung von Gedächtnisinhalten darstellt. Darüber hinaus gibt es Hinweise darauf, daß solche Synchronisationsprozesse notwendig sein könnten, um perzeptiver Information den Zugang zum Bewusstsein zu ermöglichen und die Bildung phänomenaler Zustände zu induzieren.


Selbst-Monitoring

Christoph Hoerl
Philosophie, Universität Warwick

Verschiedene Autoren (siehe insbesondere Frith 1992) machen den Zusammenbruch eines zentralen oder Selbst-Monitoring-Systems für positive Symptome der Schizophrenie, wie z.B. das Phänomen der Gedankeneingebung, verantwortlich. Zwei Annahmen, die oft mit dieser Idee verbunden sind, geben zu philosophischen Bedenken Anlaß: (1) Das Fassen von Gedanken wird einer Handlung im Sinne der Ausführung einer Absicht gleichgesetzt, (2) Das Wissen über die eigenen mentalen Zustände wird als Resultat eines nach ‚innen' gerichteten Prozesses verstanden. Ich werde versuchen, eine alternative Erklärung für das Verhalten von Schizophrenie-Patienten zu entwickeln, die jedoch an dem von Frith betonten Punkt festhält, daß die beschriebenen Symptome auf einer Störung des Erlebens, und nicht des Denkens, beruhen.


Wahrnehmungskorrelierte Hirnaktivität

Andreas Kleinschmidt
Cognitive Neurology, London

Die klassische experimentelle Sinnesphysiologie definiert neuronale Reiz-Antwort-Funktionen. Dabei wird Hirnaktivität untersucht, die durch die physikalischen Reizeigenschaften bestimmt ist. Werden letztere geändert, spiegelt sich dies in begleitenden Änderungen der Hirnaktivität wider. Psychologen haben z.B. an Verhaltensleistungen gezeigt, daß jenseits der Reizeigenschaften andere Faktoren wie Aufmerksamkeit und Motivation die Reizverarbeitung beeinflussen. Daraus ist abzuleiten, daß dem Wahrnehmen (und Handeln) zugrundeliegende Hirnprozesse aus einer Interaktion der physikalischen "Außenwelt" und des neuronalen "Binnenzustandes" resultieren. In den beiden hier zu schildernden Experimenten wird mit der sog. funktionellen Kernspintomographie menschliche Hirnaktivität bei visueller Wahrnehmung untersucht. Die Komplexität des Systemverhaltens wird dadurch reduziert, daß bei identischen physikalischen Reizeigenschaften unterschiedlich Wahrnehmungen ausgelöst werden. Korrelierte Modulation der Hirnaktivität ist damit auf Änderungen des visuellen Bewußtseins zurückzuführen, denen kein bedingendes Korrelat in der physikalischen Umgebung entspricht.
Eine der Schlüsselleistungen des Gehirns bei der Betrachtung der Welt (oder eines Bildes) ist die Trennung von Figur und Hintergrund. Dafür können Kohärenz in Helligkeit, Farbe oder Bewegung oder auch komplexere, von Gestaltpsychologen erarbeitete Kriterien verwendet werden. Im ersten Experiment beruht diese Figur-Hintergrund Trennung auf einem Kontrast zwischen der Punktdichte in einer Form, die einem Buchstaben entspricht, und der im Hintergrund. Steigert man graduell diesen Kontrast, wird an einem gewissen Wert schlagartig der Buchstabe erkannt. Wird der Kontrast nun graduell wieder reduziert, verschwindet die Objektwahrnehmung erst bei niedrigerem Kontrast, als er für das initiale Erkennen erforderlich war. Dieses sog. Hysterese-Phänomen erlaubt es, Hirnaktivität zu Zeitpunkten zu vergleichen, zu denen bei physikalisch identischer Reizung entweder nur ein Hintergrund oder zusätzlich eine Figur wahrgenommen wird. Eine grundsätzlich andere Situation ergibt sich im zweiten Experiment, bei dem als Reize Bilder verwendet wurden, die nie bloß als Hintergrund interpretiert werden können, sondern durchgängig eine Figurwahrnehmung auslösen. Die Besonderheit liegt in deren Ambiguität: Die Bilder ermöglichen jeweils zwei völlig stimmige, aber sich gegenseitig ausschließende Interpretationen. Es kommt bei Darbietung solcher Bilder, also konstantem Reiz, in der Wahrnehmung des Betrachters zu spontanen Fluktuationen zwischen den beiden rivalisierenden Interpretationen, die in ihrem individuellen Auftreten unvorhersagbar sind, aber der Verteilungscharakteristik von Gammafunktionen folgen. In diesem Experiment läßt sich - ebenfalls entkoppelt von physikalischen Reizeigenschaften - untersuchen, wie sich Hirnaktivität beim Übergang von einer zur anderen Wahrnehmung ändert.
In beiden Experimenten ist es gelungen, Hirnareale zu identifizieren, deren Aktivität bei identischen Reizbedingungen transient oder kontinuierlich die bewusst erlebte visuelle Wahrnehmung widerspiegelt. Solche neuronalen Prozesse sind geeignet zur Steuerung visueller Aufmerksamkeit, der wiederum eine Schlüsselrolle für Orientierung und gezieltes Handeln zukommt, also einer Rückwirkung auf die physikalische Welt.


Binaristische Selbstmodellierung und identisches Selbstbewußtsein. Zu einigen logischen Fragen neuerer Selbstbewußtseinstheorien

Christian Kupke
Philosophie, Berlin

Zentrales, wenn auch nicht einziges Anliegen meines Beitrages wird es sein, die logischen, aber auch gehirntheoretischen Inkonsistenzen aller derjenigen Annahmen aufzuzeigen, die in der einen oder der anderen Weise das sogenannte "Ich" zu einer "Fiktion" oder zu einer "Benutzer-Illusion des Gehirns" erklären. Beziehen werde ich mich dabei v.a. auf den semantischen oder genauer semantologischen Binarismus unseres Selbst- und Weltverständnisses, der es uns nicht erlaubt, die vom Gehirn erzeugten mentalen Phänomene - und das Ichbewußtsein ist ein solches mentales Phänomen - dem ontologischen Binom von Sein und Schein, Realität und Fiktion oder auch wahr und falsch auszusetzen. Denn dieses Binom ist sinnvoll nur denjenigen Sachverhalten gegenüber in Ansatz zu bringen, die sich - im besten empiristischen Sinne - der Relation des Gehirns mit seiner Umwelt oder des diese Relation metaphorisch bezeichnenden Binoms von Innen und Außen verdanken. Mit anderen Worten: Im Gehirn ist entweder alles Fiktion oder alles Realität; und beides läuft auf dasselbe hinaus, nämlich auf die doch wohl unhintergehbare Tatsache, daß Gehirnprozesse ihr letztes Telos in der Erzeugung handlungs- und lebenspraktisch wirksamer mentaler Phänomene haben. Erst von einer speziellen Instanz des Gehirns, die man meines Erachtens - und zwar unter Voraussetzung des semantologischen Binarismus von Innen und Außen - annehmen muß und durchaus auch "Ich" nennen kann, wird dann diese ontologisch neutrale Substanz (des "alles Fiktion" oder "alles Realität") nach ihrem Innen- und nach ihrem Außenbezug differenziert, d.h. danach befragt, ob ein gegebenes mentales Phänomen eine Außen- oder nur eine Innenrepräsentanz aufweist. Nicht das mentale Phänomen als solches wird also dem ontologischen Kriterium unterworfen, sondern der repräsentationale Bezug des jeweiligen Phänomens, und zwar wiederum nicht unter korrespondenztheoretischen Gesichtspunkten (da ja die Realitätsprüfung immer nur am repräsentationalen Phänomen selbst erfolgen kann), sondern unter kohärenztheoretischen Gesichtspunkten. Wollte man nun aber das "Ich" selbst (in dem oder durch das diese Realitätsprüfung erfolgt) zu einer Fiktion erklären, würde man eben diejenige, gehirnanatomisch noch nicht nachweis-, aber sicherlich auffindbare Gehirnfunktion zur Fiktion erklären, die uns die Unterscheidung von Fiktion und Realität überhaupt erst ermöglicht.

Zerebral - symbolisch - imaginär

Martin Kurthen
Neurologie, Universität Bonn

1. Die Kognitionswissenschaft bietet eine Beschreibung kognitiver Systeme - also auch des Menschen - unter dem Aspekt ihres Funktionierens. Sie ist meist technokratisch und naturwissenschaftlich orientiert und in ihrer zeitlichen Ausrichtung gegenwartsorientiert, indem sie sich bei den aktuellen Erkenntnissen von Neurowissenschaft, Psychologie, Informatik etc. bedient, um die jetzigen kognitiven Systeme zu erklären.
2. Einen ganz anderen Zugang nehmen die Theorien der "kaputten" Psychoanalyse (v.a. Lacan, Freud), die die konativen, sozialen, auch familialen und geschlechtlichen Aspekte "kognitiver Systeme" in der generellen Tönung des Scheiterns und Verfehlens ins Spiel bringen. Diese Theorien sind potentiell futuristisch, weil sie sich vor allem in ihren strukturalistischen Varianten (Lacan, Zizek) am besten eignen, Funktion und Fehlfunktion des Menschen in einer - sei´s drum: - postmodernen Welt zu erfassen.
3. Dem stehen noch die Theorien der "heilen", tiefenpsychologischen oder seinsgeschichtlichen Erzählung vom Menschen gegenüber (z.B. Jung, Heidegger), die für eine letztlich noch kehrbare Entwicklung eine Rückkehr zu einer unterschiedlich antizipierten Ganzheit oder Ursprünglichkeit entwerfen. Diese Theorien sind vergangenheitsorientiert, indem sie einen Vorlauf zu einem verwandelten Ursprung vorsehen.
4. Die kaputte und die heile Tiefenpsychologie sind der Kognitionswissenschaft ursprünglich darin voraus, die Bedeutung der von Heidegger als "Was heißt...?" eingeführten Fragen ernst zu nehmen. Was heißt (uns) denken, was heißt (uns) handeln? In der heilen Theorie ist es ein Geschick oder ein objektiver Entwicklungsstrom, in der kaputten Theorie ein Trieb, ein Begehren etc. In der Kognitionswissenschaft hat sich zuletzt in Form der Teleosemantik eine schüchterne, analytisch saubere Version des "Was heißt...?" entwickeln dürfen. Dem entspricht ein Übergang in der Interpretation kognitiver Systeme, die nicht mehr als Symbolmaschinen, sondern als Funktionsmaschinen aufzufassen sind.
5. Diese Entwicklung ist selbst interpretationsbedürftig. Wahrscheinlich muß die Kognitionswissenschaft im Licht der kaputten Theorien interpretiert werden. Zunächst erscheint es zwar, als mache die teleologische, in mancher Hinsicht auch hermeneutische Kognitionswissenschaft das "kognitive System" wieder menschlicher und "heiler", indem natürliche und soziale Beziehungen und konative Elemente stärker berücksichtigt werden. Aber bei näherem Hinsehen erweist sich die Funktionsmaschine als "kaputt" (weil sie perfekt funktioniert). Die gemeinsame Fehleinschätzung sowohl der Kognitionswissenschaft als auch der heilen und kaputten Theorien besteht darin, daß die symbolische Bewegung (die Signifikantenkette, das Denken, die Symbolverarbeitung etc.) als von irgendeinem Subjekt des "Was heißt...?" durchkreuzt angesehen wird (dies illustriert perfekt die Ur-Version des Lacan´schen Graphs des Begehrens, in dem die Signifikantenkette von einer präsymbolischen Intention durchkreuzt wird). Mit und schließlich gegen Lacan kann man sagen: die Kognitionswissenschaft starrt (immer mehr als auf das Informationale) auf das Zerebrale und übersieht dabei das Reale und mit ihm das Begehren. Während sich ein Überbleibsel des Begehrens aber als das zeitgemäße "Was heißt...?" in die Teleosemantik schickt, ist das eigentliche Begehren schon von seiner die Signifikantenkette durchkreuzenden Richtung abgewichen und in die Kette selbst oder die Objekte eingetreten. Dies ist genau der Grund dafür, daß die Funktionsmaschine das Reale nicht zusätzlich zum Symbolischen (und Imaginären) wiedergewinnt. Die Einverleibung des Begehrens ändert allenfalls die Richtung, die eine Signifikantenkette insgesamt nimmt. Die Kognitionswissenschaft ist somit wesentlich verspätet: die Funktionsmaschine hat ein Durchkreuzen aufgenommen, das schon längst der Vergangenheit angehört.


Wer darf auf die Bühne?

Detlef Linke
Neurologie, Universität Bonn

Für die Hirnforschung und Neurophilosophie ist es von großer Bedeutung, die leitenden Metaphern bei der Interpretation des Selbstbewußtseins auf ihre Angemessenheit zu überprüfen. In letzter Zeit ist das Bild von dem Bewusstsein als Bühne vermehrt in die Kritik geraten. Das Cartesische Theater wird als unzureichendes Bild für die Strukturierung kognitiver Prozesse zunehmend abgelehnt. Auch der Rolle des Ich, dem in der neuzeitlichen Philosophie eine herausragende Stellung zukommt, wird im Zusammenhang der Interpretation von Hirnprozessen nicht mehr einhellig eine zentrale Position zugebilligt. Diese Frage fand zunächst hauptsächlich in der Diskussion des Leib-Seele-Problems und des Hirn-Seele-Problems ihren Ort. Bereits Franz-Josef Gall hatte in seinen Verteidigungen gegenüber Philosophie, Theologie und Politik darauf hingewiesen, daß man dem Ich am ehesten gerecht werden würde, wenn man ihm im Gehirn keine lokalisierende Repräsentation zukommen ließe. Von derartigen weltanschaulichen Rücksichtnahmen ist die gegenwärtige Hirnforschung kaum noch bestimmt. Es ergibt sich jedoch die Frage, ob mit dem Fall der Bühnenmetapher die Rolle des Ich als Zuschauer nicht auch neu zu überdenken wäre. Für die Hirnforschung ist von besonderem Interesse, ob eine systemtheoretische Formulierung gefunden werden kann, welche die Gemeinsamkeiten und Differenzen in der Struktur der Selbstreferenzialität z.B. eines Ich-Philosophen, eines Rosengärtners und eines Volksschullehrers darstellen kann, ohne in eine der Sprachen der drei genannten Personen zu verfallen. Bezieht man bei der Eröffnung der systemtheoretischen Perspektive den Hirnforscher und Neurophilosophen noch als vierte Person ein so ergibt sich die Frage, ob er bei der Diskussion der für das Hirn tauglichen Metaphern und bei der eventuellen Abwahl der Bühnenmetapher nicht doch implizit das Gehirn als neuartige Bühne (vielleicht Metabühne) für seine Überlegungen benutzt.
Zur Erweiterung der Diskussion um die Bühnenmetapher wird daher eine Auseinandersetzung mit der neurokulturellen Theorie der Entstehung der Bühne vorgeschlagen. Im Rahmen dieser Theorie wird die Funktion der Bühne in der Umkehrung der Lesefunktion gesehen. Während beim Lesen aus der Schrift Bedeutung und Handlung geschlossen werden, geschieht beim Betrachten dramatischer Theaterszenen gewöhnlich der umgekehrte Vorgang der Rückübersetzung in ein "schriftliches" Programm. In dieser Deutung ist die Krise der Bühne eine Krise der Schriftkultur bei deren Erweiterung in das Medienzeitalter. Einige der o.g. theoretischen Perspektiven sollen anhand eines klinischen Beispiels zur Diskussion kommen. Es handelt sich um Beobachtungen, die bei einigen Patienten während des Aufwachens aus einer Hirnhälftennarkose (Wada-Test) gemacht werden konnten. Bei der Aufforderung, den auf einer Nase festgehaltenen Satz "Zeigen Sie bitte ihre Nase!" zu lesen und anschließend die Handlung auszuführen, kam es vor, daß sie statt ihrer Nase zunächst nur das Wort Nase zeigten. Erst bei wiederholter Aufforderung zeigten sie eine Nase, allerdings die des Untersuchers. Nach weiteren Aufforderungen waren sie dann in der Lage, ihre eigene Nase zu zeigen. Aus dem Beispiel kann nicht ohne weiteres der derivative Charakter von Selbstreferenzialität gefolgert werden. Das Experiment kann auch als Hinweis auf eine besonders innige Verbindung von Signifikant und Signifikat gedeutet werden. Auf diese Weise ergibt sich nicht einfach eine Diskussion nur darüber, welcher Diskurs auf die Bühne von Hirntheorie und Neurophilosophie gebracht werden sollte, sondern auch darüber, inwieweit manche Diskurse das Konzept von Bühne und Vorstellung durchqueren.


Die phänomenale Innenperspektive und die autoepistemische Begrenzung

Thomas Metzinger
Philosophie, Hansekolleg, Bremen

Ich werde in meinem Beitrag eine kurze Skizze zentraler Elemente der "Selbstmodell-Theorie der Subjektivität" anbieten. Ich will dabei zeigen, wie man eine repräsentationalistische Analyse höherstufiger phänomenaler Eigenschaften auf eine Weise durchführen kann, die eine produktive Zusammenarbeit zwischen der analytischen Philosophie des Geistes und den empirischen Einzelwissenschaften ermöglicht. Dabei möchte ich drei Begriffe näher erläutern, die seit Erscheinen der ersten Version der Theorie vor fünf Jahren immer wieder auf Interesse gestoßen sind, aber auch zu Mißverständnissen geführt haben: Die "autoepistemische Begrenzung", das "Selbstpräsentat" und das "phänomenale Modell der Intentionalitätsrelation".


Selbst und Selbstbewußtsein aus philosophischer und kognitionswissenschaftlicher Perspektive.

Albert Newen, Philosophie
Universität Bonn

Selbstbewußtsein sprechen wir gewöhnlich Personen zu, und zwar zum einen im umgangssprachlichen Sinne, wenn wir ein besonders sicheres und couragiertes Auftreten charakterisieren möchten, zum anderen im philosophischen Sinne, wenn wir charakterisieren möchten, daß jemand seine eigenen mentalen Zustände kennt, sich ihrer bewusst ist. Ausgangspunkt meiner Untersuchung ist die Frage, wie eine adäquate Beschreibung des Selbstbewußtseins im philosophischen Sinne auszusehen hat.
In der philosophischen Forschung unterscheiden wir gewöhnlich die epistemische und die ontologische Frage:
Die epistemische Frage: Ist das Bewußtsein der eigenen mentalen Zustände ein (epistemisches) Wissen bzw. haben wir einen privilegierten Zugang zu unseren mentalen Zuständen, so daß nur wir selbst zuverlässig wissen, welche mentalen Zustände wir haben? Die ontologische Frage: Gibt es ein Selbst als Träger unserer mentalen Zustände oder können wir das Phänomen des Selbstbewußtseins ohne die Annahme eines Selbst erklären?
Hauptthese aus philosophischer Perspektive: Die Annahme eines Selbst ist verzichtbar, wenn man den Begriff des intentionalen Systems als Basisbegriff verwendet. Ein intentionales System ist ein System, das Wünsche und Überzeugungen hat und dadurch seine Handlungen steuert. Alle Phänomene, die Anlaß dazu bieten, ein Selbst anzunehmen, lassen sich dann im Rahmen einer Theorie des Selbstbewußtseins erklären, die unter Selbstbewußtsein das Bewußtsein eines intentionalen Systems von den eigenen mentalen Phänomenen versteht.
Demgemäß lassen sich alle Phänomene, die wir gewöhnlich unter Selbstbewußtsein im philosophischen Sinne verstehen, adäquat beschreiben, wenn wir die Kenntnis der eigenen mentalen Phänomene eines intentionalen Systems verstehen. Um dies zu erreichen, wird zunächst ein philosophischer Begriffsrahmen vorgestellt, in dessen Zentrum der Begriff der "Metarepräsentation" steht. Das Konzept der Metapräsentation ist deswegen fruchtbar, weil es sich in der Entwicklungspsychologie operationalisieren läßt und darüber hinaus in kognitiven Theorien zur Erklärung von Schizophrenie (C. Frith) angewendet wird.
Hauptthese aus kognitionswissenschaftlicher Perspektive: Menschliches Selbstbewußtsein läßt sich in seinen Grundzügen mit Hilfe der grundlegenden Kompetenz eines intentionalen Systems, Metarepräsentationen zu bilden, beschreiben. Indem die Neurowissenschaften versuchen, die neuronalen Grundlagen der Metarepräsentation aufzudecken, erforschen sie somit eine grundlegende neurologische Basis menschlichen Selbstbewußtseins.


Selbstbewußtsein: Ein metaphysisches Relikt? Philosophische und empirische Befunde zur Konstitution von Subjektivität.

Michael Pauen
Philosophie, Hansekolleg, Bremen

In der neueren Diskussion über den Status von Selbstbewußtsein und Subjektivität stehen sich zwei Extrempositionen gegenüber: Autoren wie Frank beharren auf der Existenz eines unhintergehbaren, irreduziblen und vorprädikativen Selbst. Demgegenüber haben Theoretiker, die sie um eine besondere Nähe zur empirischen Forschung bemühen, massive Zweifel geäußert, ob der – zugegebenermaßen verbreiteten –Selbstvorstellung überhaupt ein wissenschaftlich verifizierbares Korrelat entspricht.
Vier Punkte sollen erörtert werden. Zunächst läßt sich zeigen, daß beide Positionen an ganz unterschiedlichen Stellen ansetzen. Das vorprädikative Selbst läßt sich wohl am ehesten transzendentalphilosophisch als Möglichkeitsbedingung für die Selbstzuschreibung bestimmter Eigenschaften verstehen. Damit sind jedoch noch keine konkreten und insofern irrtumsanfälligen Tatsachenbehauptungen über dieses Selbst verbunden. Dies bedeutet auch, daß empirische Einwände an dieser Theorie vorbeigehen, sofern sie sich auf konkrete Merkmale berufen. Da hier offenbar auch terminologische Unklarheiten bestehen, sollen zweitens in Anlehnung an Strawson (1997) die Kriterien eines angemessenen Begriffs des ›Selbst‹ genannt werden. Mögliche Kriterien sind synchrone Integrität, diachrone Kontinuität, Personalität, Willens- oder Handlungsfreiheit. Es bleibt zunächst offen, inwiefern es ein solches ›Selbst‹ tatsächlich gibt.
Drittens sind die epistemischen Maßstäbe für Befunde zu klären, die zugunsten bzw. zu Lasten der einzelnen Kriterien ins Feld geführt werden könnten. So läßt sich der integrative Charakter des Selbst beispielsweise nicht mit einem Verweis auf die Zahl der neuronalen Netze bestreiten, die dieses ›Selbst‹ konstituieren. Fragwürdig erscheint andererseits der sogenannte privilegierte Zugang des Selbst zu seinen eigenen Zuständen: Einwände tauchen hier insbesondere hinsichtlich der diachronen Kontinuität auf. Schließlich sind Reichweite und Konsequenzen empirischer Befunde zu erörtern, wie sie etwa von Nisbett/Wilson (1977), Dennett (1991), Gazzaniga/LeDoux (1978) oder Ramachandran (1997) vorgelegt worden sind. Es erweist sich, daß Selbstbewußtsein kein metaphysisches Relikt ist; die empirische Forschung demonstriert allerdings, daß unsere reale Subjektivität zum Teil weit von unseren vortheoretischen Vorstellungen abweicht.


Wie werden Kinder "Selbst-Bewusst"? Zur Entwicklung von Vorstellungen über die eigene Person.

Sabina Pauen
Psychologie

Sofort nach der Geburt beginnt ein Säugling damit, Reize innerhalb und außerhalb seines Körpers wahrzunehmen und auf diese zu reagieren. Es ist zu vermuten, daß zu diesem Zeitpunkt nur ein präreflexiver Zugang zum eigenen Erleben besteht, aus dem sich bis zur Schulreife verbalisierbare Vorstellungen über die eigene Person sowie eine rudimentäre theory of mind entwickeln werden. Erst diese Errungenschaften versetzen das Kind in die Lage, sich effektiv mit anderen über die eigenen Gefühle, Gedanken, Wünsche, und Wissenszustände auszutauschen. Der vorliegende Beitrag versucht, die skizzierte Entwicklung aus verschiedenen theoretischen Perspektiven nachzuzeichnen. Dabei wird insbesondere der Beginn der Formierung eines Selbst- und Personenkonzeptes im präverbal Alter näher beleuchtet. Neben der "ökologischen" Theorie der Selbstwahrnehmung, die u..a. von E. Gibson und U. Neisser vertreten wird, soll auch die Bedeutung früher sozialer Interaktionen thematisiert werden, die z.B. M. Tomasello oder A. Meltzoff studiert haben. Ferner wird über eigene Experimente berichtet, die sich mit der Frage beschäftigen, wann Kinder Personen als eine eigenständige Kategorie begreifen. Welche Bedeutung diese Fähigkeit für die Genese einer theory of mind haben könnte und wann sich erste Ansätze einer entsprechenden Entwicklung aufzeigen lassen, wird abschließend erörtert.


Selbstbild und Selbstverständnis. Einige Anmerkungen zur repräsentationalistischen Subjektivitätstheorie.

Klaus Sachs-Hombach
Philosophie, Magdeburg

Philosophische Rationalität kann sich - zumindest im Verständnis der analytischen Philosophie - einerseits auf Fragen der Klärung und Rechtfertigung gegebener Begriffe beziehen, andererseits aber auch, eher spekulativ, auf die Entwicklung wissenschaftlich innovativer Begriffe dringen. Fodors "Language of Thought" stellt ein prominentes Beispiel des zweiten Tpys dar. Wenn er mit Bezug auf die empirischen Ergebnisse in Linguistik und Psychologie den für die weitere Entwicklung sehr folgenreichen Repräsentationsbegriff als Grundbegriff der Kognitionswissenschaften entwickelt, dann verfährt er - seiner eigenen Einschätzung zufolge - im Sinne einer spekulativen Psychologie. Dies Verfahren halte ich prinzipiell für berechtigt, es weist aber einige von Fodor selbst betonten Schwächen auf. Zunächst mag sich das jeweilige Paradigma der Psychologie, auf das Bezug genommen wird, als unbrauchbar oder unergiebig erweisen. Zudem lassen sich die experimentellen Ergebnisse, auf die sich das philosophische Nachdenken stützt, in der Regel immer sehr unterschiedlich interpretieren. Schließlich kann die gewählte philosophische Grundpositionen, oder zumindest einige ihrer Voraussetzungen, zunehmend als problematisch beurteilt werden. Die anhaltende Kritik am sogenannten Computermodell des Geistes und am Funktionalismus insgesamt ergibt sich aus den beträchtlichen Schwierigkeiten, die der Repräsentationsbegriff zumindest im ersten und dritten Punkt bietet und die es geraten erscheinen lassen, den spekulativen Aspekt einer philosophischen Analyse der Kognitionswissenschaft zugunsten begriffsanalytischer Verfahren zurückzustellen.
Ein solches Verfahren soll für die Begriffe "Selbstbild" und "Selbstverständnis" durchgeführt werden. In der philosophischen Tradition ist dominant vom Begriff des Selbstbewußtseins die Rede, der ein Ich im Sinne eines abstrakten Identitätspols bezeichnet. Hiervon unterscheide ich einen Begriff des Selbst als die jeweilige Totalität des Selbstverständnisses. Während das Selbstbewußtsein vor allem mit einem abstrakten Personenbegriff verknüpft wird, ist sowohl das Selbstbild als auch das Selbstverständnis an Individuen gebunden und auf die Einheit von Denken, Wollen, Fühlen und Erleben bezogen. Bei den Prozessen des im Selbstbild vermittelten Selbstverständnisses geht es daher wesentlich um die immer auch phänomenal erlebte Totalität des je eigenen Lebenskonzepts. Das Selbstverständnis zielt hierbei aber nicht auf eine gegebene Größe, sondern entwirft gleichsam den Rahmen aller möglichen Handlungen. Die zentrale Aufgabe der Analyse der beiden Begriffe des Selbstbildes und des Selbstverständnisses besteht darin, zu klären, ob die in diesen Begriffen angesprochenen Merkmale des "Sichzusichverhaltens" berechtigterweise im Rahmen einer Repräsentationstheorie erörtert werden können. Hierzu wird eine interne Differenzierung des Begriffs der mentalen Repräsentation vorgeschlagen und anhand zweier Debatten, der sogenannten 'Imagery-Debate' und der 'Simulation-Debatte', mit kritischem Blick auf eine funktionalistische Sicht der Kognitionswissenschaft diskutiert.


Doch keine Verwirrung über eine Funktion des Bewußtseins

Ralph Schuhmacher
Philosophie, Humboldt Universität Berlin

In dem Aufsatz "Eine Verwirrung über eine Funktion des Bewußtseins" führt Ned Block die Unterscheidung zwischen phänomenalem Bewusstsein und Zugriffsbewußtsein ein. Danach sind intentionale Zustände phänomenal bewusst, wenn sie für die betreffenden Subjekte Erlebnisqualitäten besitzen. Im Unterschied dazu sind laut Block intentionale Zustände zugriffsbewußt, wenn ihre Gehalte für rationales Verhalten wie z.B. zielgerichtetes Handeln und sprachliches Verhalten zur Verfügung stehen. Mit dieser Unterscheidung verfolgt er das Ziel, Begriffe bereitzustellen, mit denen sich die Ursachen einiger kognitiver Phänomene, die wie beispielsweise Blindsicht auf Defekten bestimmter Hirnregionen beruhen, angemessener beschreiben lassen sollen. Block zufolge ist in vielen Fällen, zu denen er auch die Blindsicht rechnet, nicht das Fehlen von phänomenalem Bewusstsein, sondern die Abwesenheit von Zugriffsbewußtsein für die veränderte Selbstwahrnehmung und die damit verbundenen spezifischen Verhaltensmuster der betroffenen Personen primär verantwortlich.
In diesem Vortrag soll gezeigt werden, daß vor allem die beiden folgenden Gründe gegen diese Unterscheidung von Bewusstsein sprechen: (1) Wenn das phänomenale Bewusstsein in der von Block vorgeschlagenen Weise vom Zugriffsbewußtsein unterschieden wird, dann kann es keine verhaltensbezogenen Kriterien für die An- oder Abwesenheit phänomenalen Bewußtseins geben. Denn anhand solcher Kriterien läßt sich nur feststellen, ob ein intentionaler Zustand in aktiver Beziehung zum sog. Exekutivsystem steht und damit zugriffsbewußt ist. Da sich die Anwendungsbedingungen des Begriffs des phänomenalen Bewußtseins damit jeder intersubjektiven Kontrolle entziehen, ist es fraglich, ob dieser Begriff überhaupt empirischen Gehalt besitzt. (2) Zudem ist der Erklärungswert des Begriffs des Zugriffsbewußtseins problematisch: wenn man auf die Frage, warum Personen mit bestimmten neurologischen Defekten bestimmte Typen von Aufgaben nicht lösen können, entgegnet, daß sie eben keinen Zugang zu den relevanten Informationen haben, dann wird damit nicht die obige Frage beantwortet, sondern lediglich die Ausgangssituation beschrieben. Im Anschluss an diese Kritik wird auf die Gründe eingegangen, die für die Identität von phänomenalem Bewusstsein und Zugriffsbewußtsein sprechen.


Disintegration und Reorganisation zerebraler Repräsentationen bei Hirnschäden: Struktur-Funktions-Beziehungen

Rüdiger Seitz
Neurologie, Universität Düsseldorf

Das Konzept der topisch geordneten Repräsentation von Hirnfunktionen, das auf Grund tierexperimenteller Studien und der klinisch-neurologischen Erfahrung entwickelt wurde, ist durch die modernen bildgebenden Untersuchungen in den vergangenen Jahren aktualisiert worden. Unklar ist dabei bisher allerdings, wie Hirnfunktion bewusst wird. In diesem Beitrag soll am Beispiel der sensomotorischen Integration und ihrer Störung bei neurologischen Patienten die Disintegration und Reorganisation zerebraler Repräsentationen dargestellt werden. Handbewegungen zur Objekterkennung bestehen aus spezialisierten automatisierten Fingerbewegungssynergien, die während der Kindheit entwickelt werden. Wenn man ein Objekt begreift, werden die Objekteigenschaften, nicht aber die Explorationsbewegungen wahrgenommen. Die zerebralen Repräsentationen des Lernens und Ausführens manueller Fähigkeiten sowie der sensorischen Informationsverarbeitung können mit der funktionellen Bildgebung im menschlichen Gehirn lokalisiert werden. Sie sind so robust, daß Phantomerleben nach Gliedmaßenamputation auftreten kann. Die betroffenen und benachbarten kortikalen Repräsentationseinheiten können in diesen Fällen plastischen Modifikationen unterliegen, die mit schmerzhafter oder veränderter Empfindung einher gehen. Schädigungen sensomotorischer Repräsentationen durch fokale Hirnschäden können sich wieder zurückbilden. Sie werden motorisch kompensiert, ohne daß dabei der Sinneseindruck beim Patienten verändert ist. Andererseits können Läsionen des Parietallappens die Objektwahrnehmung im Raum und die taktile Objektinteraktion beeinträchtigen. Schließlich kann voluntarische Bewegung auf einer Körperhälfte trotz intaktem motorischen Systemausbleiben, was klinisch als motorischer Hemineglect bezeichnet wird. Bildgebende Untersuchungen zeigen, daß ausgedehnte Störungen des Hirnstoffwechsels diesen neurologischen Störungen zu Grunde liegen und Funktionserholung mit Reorganisation der neuronalen Repräsentationen einher geht.


Selbst und Narrativität

Dieter Teichert
Philosophie, Bonn

Mehrere Autoren (D. Dennett, P. Kerby, P. Ricoeur, R. Schaffer, C. Taylor u.a.) haben in jüngerer Zeit in philosophischer und psychoanalytischer Perspektive Vorschläge zur Explikation des Begriffs des Selbst formuliert, die den Zusammenhang von Selbst und Narrativität ins Zentrum stellen. Dabei zeichnet sich ein Spektrum von Positionen ab, das von einer starken Narrativitätsthese - das Selbst als eine durch narrative Strukturen konstituierte Entität - bis zu einer schwachen Version - Fähigkeit zu (reflexiver) Narrationsbildung als eine notwendige Bedingung des Selbst - reicht. Ziel meiner Überlegungen ist es, die Grundstruktur dieser Konzeption zu erhellen, ihren Beitrag zur Explikation des Begriffs des Selbst zu prüfen und ihren Status mit Blick auf Selbstmodelle der empirischen Wissenschaften zu bestimmen.


Selbstkonzept und präfrontaler Cortex

Kai Vogeley
Psychiatrie, Universität Bonn

Als wesentliche Merkmale des Selbstkonzepts werden in der aktuellen philosophischen Diskussion Perspektivität, intentionale Gerichtetheit und die Einheit des Bewußtseins genannt. Um diese Eigenschaften zu realisieren, muß das Nervensystem eine Plattform zur Verfügung stellen, auf der Umweltdaten und interne Milieudaten gemeinsam präsentiert und nach funktioneller Trennung in den einzelnen Sinnessystemen re-integriert werden können. Neuronale Basis dafür sind am ehesten die dorsolateralen Anteile des präfrontalen Cortex, entsprechend den Brodmann-Arealen 9, 10 und 46. Mit den die Umweltdaten vermittelnden Sinnesdaten ist der präfrontale Cortex anatomisch über deren Assoziationscortexgebiete und mit dem internen Milieu des Organismus über das limbische System verbunden. Der postulierte Funktionsmechanismus des präfrontalen Cortex besteht im Bereitstellen von Zeitfenstern im Sinne eines Arbeitsgedächtnisses. Es können dann die relevanten Informationen aus der Welt-Domäne und aus der Organismus-Domäne verknüpft und in Handlungskonzepte übertragen werden. Störungen dieser Integrationsleistungen liegen bei dem psychiatrischen Krankheitsbild der Schizophrenie vor. Die psychopathologischen Symptome lassen sich neuropsychologisch als eine Selbst-Monitoring-Störung rekonstruieren. Alternativ können die Symptome auch als Störung der Perspektivität und der Einheitserfahrung des Bewußtseins, aber auch der intentionalen Gerichtetheit aufgefaßt werden. Auf dieser Basis wird der präfrontale Cortex sinnvoller Gegenstand empirischer Untersuchungen. Neuropathologisch lassen sich im präfrontalen Volumen-, Gyrifizierungs- und zytoarchitektonische Veränderungen nachweisen. Diese Untersuchungen sind Ausgangspunkt funktionell-bildgebender Untersuchungen an schizophrenen Patienten, bei denen gezielt Selbst- und Fremdzuschreibungsleistungen im Vergleich untersucht werden.


Das autonome Selbst

Henrik Walter
Psychiatrie, Universität Ulm

Es lassen sich mindestens drei Komponenten der "Willensfreiheit" unterscheiden, auf die Pro- und Kontraargumente in unterschiedlicher Weise Bezug nehmen: 1) Freiheit: Haben wir echte Alternativen, d.h. könnten wir auch anders handeln und wollen, als wir es tatsächlich tun? 2) Intelligibilität: Wie können Gründe unser Wollen und Handeln bestimmen, d.h. wie ist intentionales Handeln überhaupt möglich? 3) Urheberschaft: In welcher Hinsicht sind wir die Urheber unserer Handlungen, d.h. inwiefern entspringen unsere willentlich bestimmten Handlungen unserem Selbst? "Neurophilosophie der Willensfreiheit" zu treiben, bedeutet einerseits, zu überprüfen, welche Antworten auf diese Fragen empirische Plausibilität beanspruchen können. Denn dies sind beileibe nicht alle. Auf der anderen Seite bedeutet es, empirische Erkenntnisse der Neurowissenschaften heuristisch zu nutzen, um alte Konzepte mit neuem Inhalt zu füllen (Walter 1998).
In diesem Vortrag werde ich der Frage nachgehen, was das neuronale Substrat volitionaler Handlungen sowie speziell der Urheberschaft (agency) ist. Dazu werde ich auf neuere Erkenntnisse an hirngeschädigten Patienten eingehen sowie auf Untersuchungen an Normalpersonen und psychiatrischen Patienten mit Methoden der funktionellen Bildgebung. Beide Bereiche bieten eine Fülle an Phänomenen, die mit Volitionsstörungen und Störungen der Urheberschaft einhergehen.
Die diskutierten Ergebnisse legen nahe, daß der dorsolaterale Präfrontalkortex und der Gyrus cinguli anterior für volitionale Handlungen eine entscheidende Rolle spielen. Für die Frage der Urheberschaft sind neben dem Gyrus cinguli anterior vor allem der ventromediale Präfrontalkortex sowie Regionen der rechten Hemisphäre entscheidend, in der sich vermutlich eine höherstufige zentralnervöse Repräsentation des Körpers befindet. Ein wichtiges Ergebnis dieser Untersuchungen besteht in einer Aufwertung des Körpers und emotionaler Komponenten für eine Theorie der Autonomie. Ohne Gefühle läuft praktische Vernunft fehl. Diese neurophilosophische Erkenntnis führt zu einer Stärkung philosophischer Theorien der Vernunft wie auch der Moral im Sinne von Aristoteles und Hume und liefert empirische Argumente dafür, warum rein rationalistische Vernunftstheorien im Geist Platons und Kants trotz ihrer scheinbar übermächtigen Wirksamkeit letztlich unplausibel sind.
Der Term Neurologik rechtfertigt sich allein dadurch, daß das neuronale System eine Realisation prinzipieller physikalischer Charakteristika parallelverarbeitender Systeme mit lokaler Kennung darstellt.
Ned Block (1995): On a confusion about a function of consciousness. In: Behavioral and Brain Sciences, Vol. 18, 227-287; auf Deutsch unter dem Titel "Eine Verwirrung über eine Funktion des Bewußtseins" in: T. Metzinger (Hg.) (1995): Bewusstsein. Beiträge aus der Gegenwartsphilosophie. Paderborn, München, Wien, Zürich, 523-581.


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    Letzte Änderung: 06.05.98, Ralf Tepest