Spezifische psychotherapeutische Behandlung zur Behandlung der therapierefraktären länger dauernden Depression mit frühem Begin: Ein neuer Stufenansatz, der das Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy (CBASP) integriert

 

Zusammenfassung

In der Behandlung therapierefraktärer länger dauernder Depressionen mit frühem Begin hat sich auf der offenen Station 1 im Universitätsklinikum ein psychotherapeutischer Stufenansatz bewährt, der CBASP Therapieelemente integriert.

Aus didaktischen Gründen grenzen wir eine Prä-CBASP-Behandlungsphase mit zwei aufeinander aufbauenden Behandlungs- und Versorgungsstufen von einer ambulanten Behandlungsphase, der eigentlichen CBASP Behandlung, ab.

In der ersten Behandlungsstufe kommen elementare Therapieelemente des CBASP zum Einsatz, die mit negativer Verstärkung bei pro-aktivem interpersonellen Verhalten und Diskriminationsübungen bei gesundheitsbezogenem Verhalten arbeiten. In der zweiten Behandlungsstufe werden zusätzlich interpersonelle Strategien des CBASP eingesetzt, in denen sich der Therapeut persönlich involviert zur Angstreduktion sowie zusätzlich Strategien zur Stärkung exekutiver Leistungen.

In der dritten Behandlungsstufe, der eigentlichen CBASP-Behandlungsphase, stehen gemäß Manualvorgabe Situationsanalysen und interpersonelle Diskriminationsübungen in genauer zeitlicher Abfolge im Vordergrund. Um die Kontinuität des Aufbaus und der Generalisierung adaptiver Reiz-Reaktions-Verhaltensmuster zu gewährleisten beginnt der Therapeut die Behandlung unter stationären Bedingungen und setzt sie ambulant fort.

 

 

Einleitung

Phänomenologisch stellen unipolare Depressionen ein heterogenes Störungsbild dar. Aus klinischer Sicht entspricht die nach den internationalen Klassifikationssystemen vorgenommene theoretisch klare kategoriale Abgrenzung einzelner Störungskategorien häufig nicht der klinischen Realität. Hiermit übereinstimmend geht aus neurobiologischer Sicht eine lange Erkrankungsdauer sowohl mit strukturellen als auch funktionellen Störungen des Gehirns auf den Ebenen der Neurotransmission, der Konvektivität und der Proteinsynthese einher. In extremer Ausprägung ist die Informationsverarbeitung so stark beeinträchtigt, dass einfachste Verhaltens-Wirkungsbeziehungen nur noch rudimentär oder gar nicht vom Betroffenen wahrgenommen werden können und die depressiven Affekte als global undifferenziert und überwältigend, d. h. als gänzlich unkontrollierbar, erlebt werden.

Ätiologisch werden einheitlich multifaktorielle Erklärungskonzepte aus ursächlich beitragenden epigenetischen, perzeptiv-kognitiven und Verhaltensfaktoren für das Auftreten, die Aufrechterhaltung und die Chronifizierung depressiver Störungen angenommen.

Es wird somit davon ausgegangen, dass das Spektrum der Unterformen depressiver Störungen von weitestgehend biologisch determinierten Störungen über das Zusammenwirken mehrerer Faktoren zu weitgehend in der Lerngeschichte und psychosozial begründeten Störungen reicht. Therapeutisch sind länger dauernde Depressionen bisher im klinischen Alltag als weitestgehend behandlungsresistent in Hinblick auf die üblichen psychopharmakologischen und psychotherapeutischen Interventionen betrachtet worden.

Zu den Zielen des Artikels: Der Artikel beschreibt die psychotherapeutischen Behandlungs- und Versorgungsstufen sowie die zum Einsatz kommenden spezifischen Therapieelemente des CBASP anhand von Beispielen (siehe auch Schoepf et. al. 2008 und für die englische Version auch Schoepf et al. 2011 sowie Schoepf und Neudeck 20011).

 

Innovative psychotherapeutische Behandlungsstrategien auch für therapie-refraktäre Patienten

Zur Individualisierung von Behandlungsstrategien: Aufgrund ihrer neurobiologischen Prägung sowie dem Einfluss lerntheoretischer und informationsverarbeitender Faktoren wird der Schlüssel zur Behandlungsoptimierung der länger dauernden Depression von vielen in einer Individualisierung der Therapiestrategien gesehen. Das Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy - CBASP - ist das einzige Psychotherapieprogramm weltweit, das speziell zur Behandlung der länger dauernden Depression entwickelt worden ist und sich in der ambulanten Behandlung schon als wirksam erwiesen hat. In Kombination mit einer differenziellen medikamentösen Behandlung stellt das CBASP die eindeutig erfolgversprechendste Therapie bei länger dauernder Depression bereit.

Das CBASP grenzt sich mit seinem innovativen Psychotherapieansatz von den üblicherweise zum Einsatz kommenden supportiven, psychodynamischen, verhaltenstherapeutischen und verstärkungstheoretischen Psychotherapieverfahren deutlich ab. So wird im chronischen Leidenszustand der Patienten auch der Schlüssel für eine Verhaltensänderung abgeleitet, denn jedes adaptive interpersonelle und gesundheitsbezogene Verhalten, das zur Entlastung von chronischem Stress führt, kann selektiv negativ verstärkt werden bzw. als positiv erfahren werden, wenn der Therapeut aufmerksam ist, positive und negative Bestrafung nicht anwendet, und dem Patienten hilft zu erkennen, welches Verhalten zu einer Abnahme der Beschwerden geführt hat. In der Behandlung mit dem CBASP lernen die Patienten sich selbst in ihrer Beziehung zur Umwelt (initial dem Therapeuten) als Akteur wahrzunehmen und ihr interpersonelles Verhalten so zu verändern, dass sie häufiger das erreichen, was sie möchten. Hierdurch erleben sie weniger Hilflosigkeit in zuvor stressauslösenden Situationen.

 

Die zentrale Grundannahme des CBASP und das bewusste Einsetzen der Verstärkerfunktion des Therapeuten in der therapeutischen Beziehung

Zum ätiologischen Hintergrund vertritt der Begründer des CBASP (McCullough) die Ansicht, dass der wesentliche Bestandteil der Psychopathologie länger dauernd depressiv erkrankter Patienten durch das bidirektionale Zusammenwirken von Stress- und Emotionsregulationsstörung sowie entwicklungshemmender Person*Umweltbedingung bedingt ist, in der das Individuum repetitiven Hilflosigkeitserfahrungen ausgesetzt gewesen ist. In Verbindung mit einem ungünstigen Attributionsstils werden die Verhaltensstörungen durch generalisiertes Vermeidungslernen aufrecht erhalten und bedingen eine Entkoppelung des Person*Umweltbezuges.

In Hinblick auf die therapeutische Grundhaltung ist es wichtig, dass sich der CBASP-Therapeut in besonderem Maße bewusst ist, dass er als "Hebamme", aber keinesfalls als Schöpfer der entstehenden funktionalen Erkenntnis- und Lernprozesse zu wirken hat. In diesem Sinne muss es dem Therapeuten gelingen, den Patienten in seiner Gegenwart in der Bewusstwerdung von pro-aktivem interpersonellen Verhalten und gesundheitsbezogenen Verhalten "denken und fühlen" zu lassen. Um die Therapieelemente effektiv einsetzen zu können, muss der Therapeut darauf trainiert und vorbereitet werden, seine eigene Verstärkerfunktion kontrolliert und in verantwortungsvoller Weise persönlich in die therapeutische Beziehung einzubringen. In der Interaktion zwischen dem Patienten und dem Therapeuten soll das Verhalten des Therapeuten den Erkenntnisgewinn des Patienten einerseits leiten und verstärken, andererseits nicht mit der intrapersonalen Verstärkung stressinduzierender Verhaltensweisen des Patienten interferieren. Der Patient darf weder so beeinflusst werden, dass er - als Folge positiver interpersoneller Verstärkung - dem Therapeuten möglichst rasch viele erfolgreiche Handlungsweisen repräsentiert, noch dass er - als Folge positiver und negativer interpersoneller Bestrafung - negative Reaktionen des Therapeuten auf die Äußerung dysfunktionalen Verhaltens vermeidet. Hierfür ist es erforderlich, so früh wie möglich die spezifische Übertragungshypothese, durch die der interpersonelle Brennpunktbereich identifiziert wird, zu erheben. Des weiteren ist es zum Einsatz metakommunikativer Techniken wichtig, die verdeckten emotionalen, kognitiven und verhaltensbezogenen Reaktionen, die der Patient beim Therapeuten hervorruft, valide durch den Fragebogen für interpersonelle Eindrücke zu erfassen.

 

Psychotherapeutische Behandlungs- und Versorgungsstufen

Aufgrund der Schwere der Erkrankung sowie den zusätzlich vorliegenden Krankheitsfaktoren ist eine kontinuierliche und abgestimmte psycho-pharmakologische, psychotherapeutische, medizinische und psychosoziale Versorgung notwendig. Die Pharmakotherapie stellt bei der schweren MDE neben der Elektrokonvulsionstherapie das bisher wirksamste und bestbelegte Therapieverfahren dar. Die regelhaft bestehende Störung der Informationsverarbeitung erschwert die psychotherapeutische Therapie, die aus diesem Grund flexiblen Charakter haben soll. Durch die so früh wie möglich beginnende Integration von CBASP spezifischen Therapieelementen wird dem Patienten von Begin an der Aufbau und die Anwendung neuer Reiz-Reaktions-Verhaltensschemata ermöglicht. Hierfür bietet die hohe Versorgungsstufe und Behandlungsdichte während der stationären und später teilstationären Behandlung die Möglichkeit zur Akkomodation und langsamen Assimilation adaptiver Schemata auf höherem Niveau.

Die zum Einsatz kommenden psychotherapeutischen Therapieelemente orientieren sich in ihrem zeitlichen Ablauf an dem abnehmenden Grad der Symptomausprägung und der Zunahme exekutiver Leistungen. Die Interventionen erfolgen eingebettet in einen "Stufenansatz" und bleiben "in einer Hand". Hierunter verstehen wir, dass der CBASP Therapeut die Behandlung unter stationären Bedingungen beginnt und ambulant fortsetzt. Durch das Vorgehen werden formale und inhaltliche Abstimmungsnotwendigkeiten sowie hieraus resultierende Schnittstellenprobleme so gering wie möglich gehalten. Des weiteren wird die Kontinuität des Aufbaus und der Generalisierung adaptiver Reiz-Reaktions-Verhaltensmuster gewährleistet.

Hinsichtlich des Einsatzes spezifischer Psychotherapieelemente de CBASP hat sich bei dieser Gruppe schwerst gestörter Patienten die Unterscheidung von drei aufeinander aufbauenden psychotherapeutische Behandlungsstufen bewährt, die sich jeweils in ihrem Versorgungsausmaß und den zum Einsatz kommenden Psychotherapieelementen unterscheiden.

In den ersten beiden Behandlungsstufen steht die psychotherapeutische Basisbehandlung mit initial supportiven (z. B. Symptommanagement, emotionale Unterstützung, Anerkennung der Krankenrolle) und später problemorientierten (z. B. systematische Festlegung psychotherapeutischer Teilziele) Therapieelementen im Vordergrund. In Abhängigkeit von der Kompetenz und Interventionsqualität des Bezugsarztes/Therapeuten hat es sich nach unserer klinischen Erfahrung bewährt, auditiv und flexibel vor allem diejenigen spezifischen Therapieelemente des CBASP systematisch einzusetzen, die (1) mit negativer Verstärkung in Bezug auf pro-aktives interpersonelles Verhalten arbeiten und die (2) die Aufmerksamkeit mithilfe von Diskriminationsübungen gezielt auf gesundheitsbezogenes Verhalten lenken. Unter negativer Verstärkung verstehen wir, dass anstelle einer erwarteten Bestrafungsreaktion auf die Äußerung einer Versagenshandlung keine Bestrafung erfolgt. Unter Aufmerksamkeitslenkung mithilfe von Diskriminationsübungen verstehen wir, anstelle von Reaktanz erzeugender positiver Verstärkung dem Patienten zu demonstrieren, welchen Effekt sein pro-aktives gesundheitsbezogenes Verhalten auf ihn selbst im Sinne einer "Vorher-Nachher"-Differenzierung bewirkt hat. Wir zählen die in der ersten Behandlungsstufe zum Einsatz kommenden Strategien zu den "elementaren CBASP-Therapieelementen". Nach der Erhebung der Therapiehypothese können in der zweiten Behandlungsstufe gezielt Techniken des kontrolliert persönlichen Einbringens angewendet werden, die die Ziele verfolgen, systematisch destruktive Verhaltensmuster zu reduzieren und interpersonelle Angst gegenüber dem Therapeuten zu reduzieren. Wir nennen die zum Einsatz kommenden Strategien "additive CBASP-Therapieelemente". Durch den flexiblen Einsatz elementarer und additiver CBASP Therapieelemente wird der Patient in den ersten zwei Behandlungsstufen entsprechend seiner reduzierten kognitiv-emotional-perzeptiven Möglichkeiten behutsam auf die spätere manualgeleitete Behandlungsphase vorbereitet. Aus diesem Grund bezeichnen wir sie als "CBASP-Vorbereitungsphase".

In der dritten Behandlungsstufe und eigentlichen "CBASP-Behandlungsphase", die in der Regel ambulant erfolgt, wird psychotherapeutisch ausschliesslich mit dem CBASP gemäss Manualvorgaben gearbeitet. Bei günstigem Behandlungsverlauf wird am Ende der akuten Behandlungsphase, d. h. am Ende der dritten Behandlungs- und Versorgungsstufe, die Stufe der formalen Denkoperationen erreicht.

 

Elementare und additive Therapieelementein der CBASP-Vorbereitungsphase

Ein Patient hat dann die CBASP-Vorbereitungsphase erreicht, wenn es ihm möglich ist, einfache Verhaltens-Wirkungs-Beziehungen in Bezug auf adaptives Verhalten nachzuvollziehen und auf interpersonelle CBASP Strategien mit abgrenzbaren und benennbaren Affekten zu reagieren. Der Patient ist aufgrund der bestehenden Störung der Informationsverarbeitung noch nicht in der Lage, Situationsanalysen gemeinsam mit dem Therapeuten durchzuführen.

 

Elementare CBASP-Therapieelemente der ersten Behandlungs- und Versorgungsstufe

In der ersten Behandlungs- und Versorgungsstufe sollten in Abhängigkeit von der Kompetenz des Therapeuten und seiner Interventionsqualität die vier folgenden elementaren CBASP Therapiestrategien zum Einsatz kommen:

(1.1) Einsatz von negativen Verstärkungstechniken in Bezug auf vom Patienten gezeigtes pro-aktives interpersonelles Verhalten mit dem Ziel, die Auftretenshäufigkeit des Verhaltens zu erhöhen.

Beispiel: Ein Patient spricht ein von ihm als Misserfolg attribuiertes Verhalten bei dem Therapeuten an: Das Verhalten sei "nicht Spazieren gegangen zu sein". Die vom Patienten erwartete interpersonelle Reaktion auf das Verhalten "den Misserfolg anzusprechen" gegenüber dem Therapeuten ist "in irgendeiner Weise bestraft zu werden". Die "Nicht-Bestrafung" durch den Therapeuten führt beim Patienten zu einem Wegfall der erwarteten negativen Konsequenz und damit zur Stressreduktion. Damit erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass der Patient in der nächsten Situation über einen Misserfolg mit dem Therapeuten spricht.

(1.2) Die Moment-zu-Moment-Aufmerksamkeitslenkung auf vom Patienten berichtetes gesundheitsbezogenes Verhalten sowie die Bewusstmachung des vom Patienten wahrgenommenen positiven Effektes durch "Vorher-Nachher"-Kontrastierung mit dem Ziel, eine intrapersonelle positive Verstärkung zu induzieren.

Beispiel: Ein Patient spricht ein gesundheitsbezogenes Verhalten bei seinem Therapeuten an: Das gesundheitsbezogene Verhalten des Patienten sei "Spazieren gegangen zu sein". Eine vom Therapeuten gut gemeinte, +positive Reaktion (Lob) wird vom Patienten erwartet, aber auch gefürchtet und induziert in der Regel eine Reaktanzreaktion beim Patienten, z. B. eine wütende Entwertung des eigenen Verhaltens. Statt den Patienten positiv durch Lob zu verstärken, fragt ihn der Therapeut nach der Erfahrung, die der Patient mit dem Verhalten "Spazieren gehen" gemacht hat. Er bittet ihn dann den Zustand vor, während und nach dem Spazieren gegangen zu sein, zu vergleichen. Der durch den Patienten selbst vollzogene Kontrast verdeutlicht dem Patienten in der Regel, dass es ihm während und nach dem Spazieren gehen besser als zuvor gegangen ist. Damit erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass der Patient in der nächsten Situation erneut das gesundheitsbezogene Verhalten "einen Spaziergang zu machen" einsetzt.

(1.3) Die Extinktion intrusiv auftretender destruktiver Verhaltensreaktionen während einer sozialen Interaktion mit dem Ziel, die Auftretenshäufigkeit zu verringern.

Beispiel: Ein Patient entwertet sich ohne Bezug zum Gesprächskontext plötzlich selbst und sagt: "Alles was ich mache ist falsch". Die vom Patienten erwartete Reaktion des Therapeuten ist verwirrte Beschwichtigung, Ablenkung etc.. Der Therapeut verharrt kurz und bleibt freundlich beim Thema und lässt sich "nicht ablenken". Das Verhalten beim Thema zu bleiben und nicht auf das destruktive interpersonelle Verhalten des Patienten zu reagieren führt über den Mechanismus der Löschung zu einer Reduktion der Häufigkeit des Auftretens interpersonell destruktiven Verhaltens. Beachte, dass es sich nicht um negative Bestrafung handelt, da der Therapeut dem Patienten den Kontakt nicht entzieht.

(1.4) Die Transformation der prägenden Einflüsse der früheren Bezugspersonen in verhaltensbezogene Sprache auf das "Hier und Jetzt" mit dem Ziel, den interpersonellen Brennpunktbereich zu erfassen, indem repetitive Hilflosigkeitserfahrungen im Zusammenleben mit den prägenden Bezugspersonen aufgetreten sind.

Beispiel: Die Mutter sei als emotional missbrauchend erlebt worden, die sowohl seine persönlichen Grenzen als auch die Grenzen seines Vaters wiederholt verletzt habe. Des weiteren habe die Mutter die Männer wie ihre Hemden gewechselt. Für das "Hier und Jetzt" bedeutet das: Der prägende Einfluss der Mutter auf das Leben des Patienten heute ist, dass er Frauen keine Zuneigung zeigen kann und er Frauen nicht vertrauen kann.

 

Additive CBASP-Therapieelemente der zweiten Behandlungs- und Versorgungsstufe

Die CBASP spezifischen Behandlungsziele der zweiten Behandlungsstufe verfolgen zwei Ziele. Auffallend fehlangepasste Verhaltensweisen und typischer soziale Fehlhaltungen sollen in ihrem Auftreten reduziert werden. Zum Einsatz kommen bevorzugt "additive CBASP-Therapieelemente", die primär darauf abzielen, mit Hilfe des persönlich-kontrollierten Einbringens des Therapeuten einen interpersonellen Kontext herzustellen, in dem der Patient Empathie empfinden kann und neue Reiz-Reaktions-Verhaltensschemata aufbauen kann. Hierzu gehören im Besonderen:

(2.1) Die Gegenkonditionierung interpersoneller Angst mit dem Ziel auffallend fehlangepasste interpersonelle Verhaltensweisen und typische soziale Fehlhaltungen zu modifizieren.

Beispiel: Das typisch maladaptive interpersonelle Verhalten des leistungsorientierten Patienten sei "sich verschließen und blockieren". Der Therapeut fragt den Patienten, wie er, der Therapeut, reagiert hat, als der Patient ihm berichtet hat, dass er die testpsychologische Untersuchung nicht bis zum Ende durchgehalten habe.
T: "Wie habe ich mich verhalten, als Sie mir erzählt haben, dass Sie die Untersuchung nicht bis zum Ende durchgeführt haben?"
P: "Sie haben mich gefragt, welche Erfahrung ich in der Untersuchung gemacht habe."
T: "Was habe ich noch getan?"
P: "Sie haben interessiert nachgefragt, als ich ihnen von der Gedächtnisaufgabe berichtet habe."
T: "Woran können Sie sich noch erinnern"?
P: "Mir fällt nichts mehr ein."
T: "Wo habe ich sie in der Situation bestraft?"
P: "Sie haben mich nicht bestraft."
T: "Woher wissen sie, dass ich sie nicht bestraft habe?"
P: "Weil sie mich nicht verurteilt haben, dass ich die Untersuchung nicht bis zum Ende durchgehalten habe."
T: "Wollen Sie mir sagen, dass ich sie nicht bestraft habe, als sie mir erzählt haben, dass Sie die Untersuchung nicht bis zum Ende durchgeführt haben?"
P: "Ja".
T: "Fühlen Sie das Gefühl von Bestrafung jetzt?"
P: "Nein".
T: "Was fühlen Sie stattdessen?"
P: "Ich fühle mich deutlich entspannter als vorher".

(2.2) Die interpersonelle Diskriminationsübung mit dem Ziel, dass der Patient lernt, das Verhalten des Therapeuten von dem Verhalten seiner prägenden Bezugspersonen sicher zu unterscheiden (setzt bei schwerkranken Patienten das Gelingen von 2.1 voraus).

Beispiel: Der Therapeut führt eine interpersonelle Diskriminationsübung im Anschluss an die vorhergehende Gegenkonditionierung (Beispiel 2.1) an:
T: "Ich möchte noch einmal zurückkommen auf die Situation: Wie habe ich mich eben verhalten, als Sie mir erzählt haben, dass Sie die Untersuchung nicht bis zum Ende durchgehalten haben?"
P: "Sie haben nachgefragt und waren interessiert."
T: "Welche Wirkung hat mein interessiertes Nachfragen auf ihr Verhalten gehabt?"
P: "Ich bin nicht blockiert und konnte weiter sprechen."
T: "Welche Wirkung hat mein interessiertes Nachfragen auf Sie emotional gehabt?"
P: "Ich fühlte mich am Ende entspannt."
T: "Wie hätte sich ihr Vater verhalten, wenn Sie ihm gesagt hätten, dass Sie die Untersuchung nicht bis zum Ende durchgeführt hätten?"
P: "Oh, Gott! Er hätte mich als Versager beschimpft."
T: "Welche Wirkung hätte die Verurteilung Ihres Vaters auf Sie emotional gehabt?"
P: "Ich wäre traurig geworden und hätte Schuldgefühle bekommen."
T: "Was ist der Unterschied zwischen meinem Verhalten und dem Verhalten Ihres Vater in Bezug auf ihr Verhalten und Ihre Gefühle?"
P: "Mein Vater hätte mich als Versager bezeichnet. Ich wäre blockiert, hätte geschwiegen, wäre traurig geworden und hätte Schuldgefühle bekommen. Sie haben mich nicht verurteilt. Ich konnte reden und bin am Ende entspannt gewesen."
T: "Was bedeutet das für unsere Beziehung?"
P: "Ich kann mich hier öffnen und werde nicht verurteilt, wenn ich etwas nicht geschafft habe."

Zum anderen werden CBASP Techniken zur Stärkung exekutiver Leistungen eingesetzt. Als besonders wichtig erscheinen uns:

(2.3) Das Einüben von Situationsbeschreibungen als Grundvorbereitung für die Identifikation sowohl einer stressauslösenden als auch einer stressreduzierenden Situation.

Beispiel: Der Patient berichtet dem Therapeuten über einen furchtbaren Tag, den er während einer Belastungserprobung mit seiner Mutter verbracht hat. Der Patient lernt, die tatsächlich stressauslösende Situation, einen Streit beim Abendessen, zu identifizieren und die Situation in verhaltensbezogener Sprache mit einem Anfang, einer Geschichte zwischendrin und einem klaren Endpunkt in einem "Was-Dann"-Stil zu beschreiben.

(2.4) Die Formulierung des tatsächlichen Ergebnisses einer positiv ausgegangenen sozialen Interaktion in verhaltensbezogener Sprache sowie die Fähigkeit die Wirkung des Verhaltens in selbstreflexiver Weise zu benennen. Hierdurch wird der Patient behutsam auf die Formulierung des tatsächlichen Ergebnisses und eines gewünschten Ergebnisses im Rahmen von CBASP-Situationsanalysen vorbereitet.

Beispiel: Der oben genannte Patient lernt das tatsächliche Ergebnis der Situation in verhaltensbezogener Sprache zu formulieren: Die Situation sei der oben genannte Streit beim Abendessen. Der Patient formuliert das tatsächliche Ergebnis und die Wirkung seines Verhaltens auf ihn. Das tatsächliche Ergebnis ist: Ich habe meiner Mutter gesagt, dass es keinen Sinn mehr hat weiter zu reden und geschwiegen". Die Wirkung des tatsächlichen Ergebnisses für ihn ist gewesen: "Ich habe mich besser gefühlt".

 

Zusammenfassung in Tabellenform

Akute Behandlungsphase

Erste Behandlungsstufe Zweite Behandlungsstufe Dritte Behandlungsstufe
Stationäre Versorgungsstufe Stationäre oder teilstationäre Versorgungsstufe Überwiegend ambulante Versorgungsstufe
Psychotherapieelemente
Überwiegend psychotherapeutische Basisbehandlung mit im Vordergrund stehenden supportiven Elementen zur Entlastung des Patienten.
 

Zusätzlich "elementare CBASP Therapieelemente".

Psychotherapieelemente
Überwiegend psychotherapeutische Basisbehandlung mit im Vordergrund stehenden problemorientierten Elementen zur gestuften Steigerung der Belastbarkeit und Vorbereitung auf die ambulante Behandlung.
 
Zusätzlich "elementare und additive CBASP-Therapieelemente".
Psychotherapieelemente
CBASP Behandlung gemäß Manual zum Erwerb von Perceived Functionality sowie Veränderung des Weltbildes durch tiefgreifende Veränderungserfahrungen im interpersonellen Problembereich.
 

Situationsanalysen und interpersonelle Diskriminationsübungen.

Dauer 8 - X Wochen in Abhängigkeit überlagernder psychiatrischer und somatischer Erkrankungen sowie Stressoren

Dauer 12 Wochen

CBASP-Vorbereitungsphase

CBASP-Phase

Tabelle 1: Psychotherapeutische Behandlungs- und Versorgungsstufen sowie eingesetzte Psychotherapielemente in der Behandlung therapierefraktärer Patienten, die unter länger dauernder Depression mit frühem Beginn leiden.

 

Referenzen

(1) Schoepf D, Neudeck P, Walter H (2011). Learning theory aspects of the Interpersonal Discrimination Exercise (IDE) and Clinical Applications. International CBASP-Network Conference, Lübeck, August 25 - 27.

(2) Schoepf D, Neudeck P (2011). Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy (CBASP): a disorder-oriented, theory-driven psychotherapy method from the "third generation" of behavior therapy models, designed for the treatment of chronic depression. In: Uehara T (Ed.) Psychiatric Disorders - Worldwide Advances. InTech (87-120). ISBN: 978-953-307-833-5.