Strahlenepidemiologie




Veränderungen im fetalen und kindlichen Sektionsgut im Raum Jena nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl

B. Lotz1, J. Haerting2, E. Schulze3

Klinikum d. Friedrich-Schiller-Universität Jena, Klinik f. Frauenheilkunde u. Geburtshilfe (1), Inst. f. Med. Statistik, Informatik u. Dokumentation (2), Inst. f. Pathologie (3)

Zur Ermittlung von Häufigkeiten und Auffälligkeiten wurde in einer retrospektiven Studie das fetale und kindliche fehlgebildete Sektionsgut des Pathologischen Instituts der Universität Jena von 1985 bis 1994 erfaßt und ausgewertet. Im Verlauf der Auswertung stell-ten sich unter anderem Auffälligkeiten in den Jahren 1986 und 1987 heraus, die als nachgeschobene Hypothesen im folgenden in Zusammenhang mit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl und der dadurch ausgelösten stärkeren Strahlenbelastung untersucht werden.

Material und Methode

Die Untersuchung stützt sich auf Autopsieanträge und Sektionsprotokolle von 894 sowohl spontan als auch induziert ausgestoßenen Feten (Aborten) und 632 verstorbenen Kindern (Pflichtsektionen bis 1989), die sich aus der Wohnbevölkerung der Stadt Jena und 11 Landkreisen (Haupteinzugsgebiet des Pathologischen Instituts der Universität Jena) rekru-tieren. Als Einschlußkriterien galten Fehlbildungen im Sinne von morphologischen Defekten und/oder chromosomalen Aberrationen; genetisch bedingte Stoffwechseldefekte wurden nicht erfaßt. Die Auffälligkeiten 1986 und 1987 wurden im fetalen Sektionsgut im Hinblick auf mögliche Keimzellmutationen oder Störungen der Organogenese durch Be-stimmung der Konzeptionsdaten untersucht (Zeitraum I - Störung der Organogenese: 2/86-2/87 u.Vergleich: 1 /85-1/86; Zeitraum II - Keimzellmutationen: 5/86-5/87 u. Vergleich: 5/88-5/89).

Im kindlichen Sektionsgut wurden die Fehlbildungsfälle der Geburtsjahre 1986-1988 (Ex-position) mit denen des Jahres 1985 verglichen. Organogenesestörungen bzw. Keimzellmutationen konnten aufgrund der im Nachhinein nicht zu berechnenden Konzeptionsdaten nicht untersucht werden. Neben einer ausführlichen deskriptiv-statistischen Auswertung wurden zum Vergleich der Fallzahlen im Expositions- und Vergleichszeitraum relative Risiken und Konfidenzintervalle (1-=0,95) auf der Basis der Poisson-Verteilung ermittelt.

Ergebnisse

168 Feten (18,8 %) und 121 Kinder ( 19,1 %) wiesen Fehlbildungen auf. Im fetalen Sektionsgut zeigte sich im Expositionszeitraum einer möglichen Organogenesestörung (Zeit-raum I) eine Erhöhung der Zahl der Fehlbildungsträger, insbesondere eine signifikante Erhöhung von Einzeldefektträgern unter den Früchten (12 vs 3). Konkret handelt es sich um eine Zunahme von Bauchwand-Defekten (Gastroschisis, Omphalozele). In Bezug zum Vergleichszeitraum stieg das Fehlbildungsrisiko auf das 1,8 fache (RR=1,8; CI= 0,86- 3,78), das Risiko, einen Einzeldefekt auszubilden, auf das 4,1 fache (RR= 4,1; CI=1,16-14,56). Hinweise auf Keimzellmutationen wurden nicht gefunden (Zeitraum II). 1986 wies das kindliche Sektionsgut die höchste Zahl von perinatalen Fehlbildungsträgern und 1987 die geringste Zahl von Fehlbildungsträgern im Sektionszeitraum bis 1989 (Pflicht-sektionen) auf. Das Fehlbildungsrisiko stieg 1986 im Vergleich zu 1985 auf das 1,2 fache (CI=0,62-2,45), 1987 sank das Risiko in Bezug auf 1985 um 40% (CI=0,27-1,42).

Diskussion

Eine Reihe europäischer Arbeitsgruppen beschäftigte sich gezielt mit den biologischen Folgen von Tschernobyl, wobei die hier dargelegten Ergebnisse zum großen Teil im Widerspruch mit diesen Studien stehen. Über die Strahlenwirkung im Niedrigdosisbereich bei Langzeitexposition ist nur wenig bekannt, ein Schwellenwert für durch Strahlung bedingte teratogene Schäden existiert nicht. Insbesondere Feten und Kinder sind erhöht strahlenempfindlich.

Die beobachteten Auffälligkeiten sind, da sie teilweise zur Hypothesenformulierung beitrugen, für sich genommen als statistischer Beleg für einen Einfluß der Strahlenbelastung nach Tschernobyl auf das Fehlbildungsrisiko nicht ausreichend.

Es wird auf die dringend notwendige Schaffung eines bundesweiten Fehlbildungsregisters hingewiesen, in dem fehlgebildete Kinder, aber auch defektive spontane und induzierte Aborte dokumentiert und epidemiologisch ausgewertet werden können.