Krebserkrankungen




Krebsmortalität und räumliche Industriemuster in Nordrhein-Westfalen: Eine ökologische Studie

K.Lauer

Abt. für Neurologische Epidemiologie, Klinikum Darmstadt

Ökologische Studien haben ihren unbestreitbaren Stellenwert im Zuge der Klärung ätiologischer Zusammenhänge, wie eine Reihe von Beispielen konsistenter und dabei die Stufenleiter epidemiologischer Methoden "überlebender" (Susser 1991) Befunde zeigen. Die Frage einer räumlichen Beziehung zwischen Industriedichte und Krebsmortalität wurde anhand einer Korrelationsanalyse für Nordrhein-Westfalen (NRW) untersucht. Die im Krebsatlas der (alten) BRD (Becker et al.1984) kreisweise aufgeführten altersadjustierten Sterberaten 1976-80 für alle Malignome ("Krebs") und für 14 Einzeltypen (solide Malignome von Gehirn, Magen, Kolon, Rektum, Lunge, Brust, Cervix uteri, Prostata, Blase, Niere, Schilddrüse sowie M.Hodgkin, Non-Hodgkin-Lymphome (NHL) und Leukämien) wurden mit Strukturdaten des Statistischen Landesamtes NRW von 1976 zur Dichte (Beschäftigte/Einwohner) von Gesamtindustrie, Metallindustrie (Gewinnung und Verarbeitung), elektrotechnischer In-dustrie, Chemie- und Kunststoffindustrie, Holzindustrie, Papier -/ Zellstoffindustrie, Textil-/Bekleidungsindustrie sowie des Bergbaus verglichen. Die Versorgungsparameter "Arztdichte" und "Klinikbettendichte" wurden in die Analyse einbezogen. Um eine bessere Interpretierbarkeit der Datenstruktur bzw. der univariaten Bezüge zu erreichen, wurde ein faktorenanalytischer Ansatz (basierend auf Rangzahlen) gewählt.

In der univariaten Rangkorrelationsanalyse fanden sich nur vereinzelte (NHL [M] / Gesamtindustrie) oder keine Assoziationen mit der Krebsmortalitõt für die Ausprägung von Gesamtindustrie, Metall-, elektrotechnischer und Papier-/ Zellstoffindustrie. Mit einer größeren Zahl von Krebsvariablen war namentlich die Chemie-/Kunst-stoffindustrie assoziiert , während konsistent und z.T stark negative Bezüge für die Holzindustrie (diese v.a. im Reg.-Bez.Detmold angesiedelt) erkennbar waren (p<0.1). Mit p<0.01 korreliert waren die Chemie- u. Kunststoffindustrie mit Zervixkrebs (r = 0.466), Blasenkrebs (M) (r = 0.372) und NHL (M)(r = 0.428) sowie die Bergbauindustrie mit Magenkrebs (M) (r = 0.519) und Magenkrebs (F) (r = 0.339). Negativ mit der Holzindustrie assoziiert (p<0.01) waren "Krebs" (M, F), Lungenkrebs (M, F), Zervixkrebs, Blasenkrebs (M, F) und Nierenkrebs (M). Maligne Hirntumoren waren bei den Frauen mit der Papierindustrie ( r = 0.303; p = 0.03) und der Druckindustrie (r = 0.258; p = 0.06), bei den Männern hingegen mit keinem der Industriezweige korreliert. Mit wenigstens einem der beiden Versorgungsparameter waren univariat "Krebs" (M, F), Lungenkrebs (M, F), Blasenkrebs (M), Nierenkrebs (M) und NHL (M) verknüpft. Faktorenanalytisch ließ sich die Datenstruktur im wesentlichen auf 3 Merkmalsbündel reduzieren, von denen das erste (Eigenwert 3.99) durch die Variablen "gering ausgeprägte Holzindustrie", "Chemie-/ Kunststoffindustrie" und die Raten für "Krebs" (M, F), Lungenkrebs (M,F), Zervixkrebs und Blasenkrebs (M, F), das zweite (Eigenwert 2.64) durch "Bergbau" und "Krebs" (F) sowie Magenkrebs (M, F) und das dritte (Eigenwert 1.92) ausschließlich durch die beiden Versorgungsparameter mit einem Koeffizienten > 0.5 ("signifikant") beladen waren.

Die Ergebnisse sprechen für eine vom medizinischen Versorgungsgrad unabhängige räumliche Beziehung zwischen Bergbau und Magenkrebs und zwischen der Chemie-/ Kunststoffindustrie bzw. dem mit dieser assoziierten Fehlen von Holzindustrie (letztere als möglicher Indikator protektiver Einflußgrößen) und mehreren Krebsarten. Ein mögliches Confounding, z.B. durch Rauchen, bedarf unbedingt der weiteren Klärung, wenngleich die weitgehend fehlende Assoziation mit der Gesamtindustrie und dem Großindustriezweig "Metall" zunächst diese spezifische Deutung nicht stützen.

Mit Unterstützung der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung, Frankfurt am Main